Disclaimer: Die nachfolgenden Ausführungen dienen ausschließlich zu Informationszwecken und stellen weder ein Angebot zum Handel noch eine Handelsempfehlung oder eine Aufforderung zum Handel dar. Der Betreiber von Derivatehandel.net bzw. der Autor des nachfolgenden Beitrages versichert, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung keine Positionen in den u. g. Basiswerten bestand. Auf den vollständigen Risikohinweis wird explizit verwiesen.
Jeder Trader stolpert früher oder später über die Markttechnik. Unabhängig davon, ob du deinen Handel an der Markttechnik ausrichten möchtest oder nicht, solltest du dich zumindest mit ihr befasst haben. Der Grund hierfür ist – überspitzt ausgedrückt – einfach: Was die Straßenverkehrsordnung im Straßenverkehr ist, ist die Markttechnik im Börsenhandel!
Was ist die Markttechnik?
Die Markttechnik ist ein Teil der Charttechnik. Aber im Gegensatz zur Charttechnik, versucht die Markttechnik nicht anhand subjektiver Wiederstand- und Unterstützungslinien oder Chartformationen (z.B. Schulter-Kopf-Schulter) künftige Kursverläufe vorherzusagen. Stattdessen erläutert die Markttechnik wie ein Kurs entsteht, wie ein Trend aufgebaut ist, wer die Marktteilnehmer an der Börse sind, wie sich diese verhalten, wo und warum Bewegungen entstehen und wo du einen Stopp-Loss setzen solltest. Nachdem du dich im Detail mit der Markttechnik befasst hast, wirst du Kursbewegungen und Trendverläufe aus einer anderen, professionelleren, Perspektive betrachten.
Die Dow Theorie als Grundlage der Markttechnik
Die Markttechnik basiert auf der sog. Dow Theorie, welche durch Charles Dow – dem Gründer der Dow Jones Industrial Average Index – begründet wurde.
Charles Dow ging davon aus, dass ein Börsenkurs bereits sämtliche Faktoren beinhaltet, welche das Angebot und die Nachfrage beeinflussen. Entsprechend kam er zu dem Ergebnis, dass eine Fundamentalanalyse nicht erforderlich ist, da bereits alle Gegebenheiten eingepreist sind.
Als Vorreiter der heutigen Markttechnik, hatte Dow bereits erkannt, dass sich Underlyings in Trends bewegen bzw. diese Trends in langfristige, mittelfristige und kurzfristige Trends unterteilt werden können. Die Markttechnik spricht hierbei von Trendgrößen und der Verschachtelung von Trends. Auch hatte Charles Dow einen Aufwärtstrend als eine Abfolge steigender Hochpunkte, gefolgt von steigenden Tiefpunkt definiert. Im Gegensatz dazu hatte er einen Abwärtstrend als fallende Tiefpunkte gefolgt von fallenden Hochpunkten definiert.
Sowohl hinsichtlich der Trendgrößen als auch der Definition eines Trends entspricht die Markttechnik weitestgehend der Dow-Theorie. Die Markttechnik geht hierbei jedoch noch einen entscheidenden Schritt weiter und berücksichtigt das Verhalten der unterschiedlichen Marktteilnehmer, um hieraus abzuleiten wo Bewegung entstehen kann. Schauen wir uns die Markttechnik also einmal im Detail an:
Der Trendaufbau nach Markttechnik
Der Aufwärtstrend
Die Markttechnik definiert, ebenfalls wie die Dow-Theorie, einen Aufwärtstrend anhand von steigenden Hochpunkten und steigenden Tiefpunkten. Schauen wir uns dies einmal anhand eines Beispiels an:

Wie du auf dem Screenshot ersichtlich ist, befindet sich die Aktie der Brown & Brown Inc. derzeit in einem intakten Aufwärtstrend nach Markttechnik, was an den steigenden Hochpunkten und steigenden Tiefpunkten erkennbar ist.
Der Abwärtstrend
Im Gegensatz zum Aufwärtstrend wird ein Abwärtstrend als eine Abfolge tieferer Hochpunkte und tieferen Tiefpunkten definiert:

Der Trendbruch nach Markttechnik
Wir haben nun also einen intakten Aufwärtstrend und einen intakten Abwärtstrend nach Markttechnik definiert. Früher oder später wird jeder Trend jedoch einmal gebrochen. Grund genug sich also einmal einen Trendbruch anzuschauen:

Das Bild zeigt dir zunächst die klassische 1-2-3-Zählweise nach Markttechnik:
- Punkt 1 stellt den Beginn eines Trends bzw. einer Bewegung dar;
- Punkt 2 stellt in einem Aufwärtstrend den höheren Hochpunkt dar;
- Punkt 3 definiert in einem Aufwärtstrends den höheren Tiefpunkt.
Mit Überschreiten des ersten Punkt 2 ist ein intakter Aufwärtstrend entstanden. Der Trend setzt sich mit dem nächsten 2 und 3 fort, bis schließlich der letzte Punkt 3 unterschritten wird, wodurch es zu einem Trendbruch kommt.
ABER VORSICHT: Nur weil der Aufwärtstrend gebrochen wurde, liegt noch lange kein Abwärtstrend vor! Der Markt befindet sich nunmehr in einer trendlosen Phase. Erst bei einem short-gerichteten 1-2-3 liegt per Definition ein Abwärtstrend vor:

Wie auf der Grafik zu erkennen ist, ist dem Trendbruch (des Aufwärtstrends) durch Unterschreitung des letzten Tiefpunktes ein intakter Abwärtstrend nach Markttechnik entstanden.
Die unterschiedlichen Marktphasen nach Markttechnik
Du hast nun bereits erfahren, wie die Markttechnik einen Trend definiert. Wie dir vermutlich bereits aufgefallen ist, besteht ein Trend aus zwei unterschiedlichen Phasen, nämlich der Bewegung (in Trendrichtung) und der entsprechenden Korrektur:

Nun stellt sich die Frage, welche Marktphase (Bewegung oder Korrektur) die geeignete ist, um eine Position zu eröffnen?
Wenn es um die Markttechnik geht, wird häufig die Information verbreitet „steig beim Punkt 2 ein und setz deinen Stopp-Loss unter den Punkt 3…„. Dies kann man so zwar machen, allerdings ist dies nur eine von vielen Möglichkeiten dir dir die Markttechnik bietet. Hierfür ist aber das Wissen um die Trendgrößen bzw. die Verschachtelung von Trends erforderlich. Schauen wir uns dies nachfolgend einmal genauer an…
Die Trendgrößen nach Markttechnik
Wie Charles Dow bereits beobachtet hat, bewegen sich die Märkte in unterschiedlichen Trendgrößen. Er hat diese als langfristige, mittelfristige und kurzfristige Trends bezeichnet.
Die Markttechnik spricht hierbei von großen, mittleren und kleinen sowie kleinsten Trends. Die Markttechnik kennt also vier statt drei Trendgrößen.
Der typische Retailtrader nutzt zur Visualisierung der Trendgrößen häufig die unterschiedlichen Zeiteinheiten, die sich in jeder Chartingsoftware einstellen lassen. Grundsätzlich sind die Trendgrößen aber von den Zeiteinheiten losgelöst zu betrachten, da diese nur die Darstellung erleichtern, aber die Trendgrößen nicht verändern.
Grundsätzlich lassen sich die Trendgrößen des Marktes auf die unterschiedlichen Zeiteinheiten wie folgt „mappen“:
- Großer Trend = Daily Chart
- Mittler Trend = H1-Chart
- Kleiner Trend = 10M-Chart
- Kleinster Trend = 1M-Chart
Vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Trendgrößen, solltest du deinen Trade bzw. die Trendgröße die du handeln möchtest, niemals isoliert betrachten. Bevor du eine Position eröffnest, solltest du dich also mit der Verortung deines Trades im Gesamtkontext befassen. Heißt konkret, dass du dir Gedanken dazu machen solltest in welcher Marktphase sich der Markt befindet.
Hierzu unterscheidet die Markttechnik zwischen der Signalebene und der Großwetterlage. Die Signalebene ist die Trendgröße die du handeln möchtest. Die Großwetterlage ist der übergeordnete (größere) Trend. Zur Veranschaulichung:
Signalebene | Großwetterlage |
---|---|
H1-Chart | Daily-Chart |
10M-Chart | H1-Chart |
1M-Chart | 10M-Chart |
Möchtest du also eine Position im H1-Chart eröffnen, schaust du dir vorab an in welcher Marktphase sich der übergeordnete Trend (Daily-Chart) befindet. Möchtest du hingegen eine Position im 10M-Chart eröffnen, dann schaust du dir als übergeordnete Trendgröße den H1-Chart an etc.
Wieso ist das so? Trendgrößen dürfen niemals isoliert betrachtet werden! Stattdessen ist deine Signalebene immer in den Gesamtkontext zu setzen.

Gehen wir davon aus, die oben genannte Grafik stellt die kleine (M10-Chart) und die mittlere (H1-Chart) Trendgröße dar. Würdest du dich nun ausschließlich auf deine kleine Trendgröße konzentrieren, würdest du folgendes im Chart sehen:

Du würdest entsprechend davon ausgehen, dass ein Abwärtstrend vorliegt, da du in der kleinen Trendgröße fallende Hochpunkte und fallende Tiefpunkte siehst.
Betrachtest du jedoch die Großwetterlage (H1-Chart), also die mittlere Trendgröße, wird dir auffallen, dass sich der Markt in einem Aufwärtstrend befindet (s.o.) und der Abwärtstrend auf der kleinen Trendgröße lediglich die Korrektur des Aufwärtstrends der mittleren Trendgröße darstellt. Entsprechend solltest du keine Shortpositionen eröffnen und darauf warten, dass deine Signalebene (kleine Trendgröße) zu einem Aufwärtstrend wechselt, um dann in Richtung der Großwetterlage zu handeln!
Die Handelsstile nach Markttechnik
Egal ob du als Scalper, Daytrader oder Swingtrader bist, mit der Markttechnik lassen sich grundsätzlich alle Tradingstile umsetzen. Da ein häufig verbreiterter Trugschluss über die Markttechnik ist, dass hiermit nur der Trendhandel möglich ist, schauen wir uns nachfolgen einmal die drei möglichen Handelsstile der Markttechnik an.
Der Ausbruchshandel
Beim Ausbruchshandel versucht der Trader relevante Preisbereiche zu identifizieren, bei denen mit einer stärkeren Bewegung zu rechnen. Ein typischer Preisbereich ist der Punkt 2 nach Markttechnik.

Da am Punkt 2 klassischer Weise mit einer erhöhten Preisbewegung zu rechnen ist, positionieren sich Trader die den Ausbruchshandel knapp oberhalb des Punkt 2 mit einer Stop Buy Order, um sich bei Überschreiten des Punkt 2 long einstoppen zu lassen.
Da allerdings nur der Ausbruch gehandelt werden soll, beabsichtigt der Trader beim Ausbruchshandel nur kurz im Markt zu sein und nach ein paar Punkten seine Position wieder zu schließen. Damit sich mit diesem Handelsstil Geld verdienen lässt, müssen zwangsläufig große Positionen gehandelt werden. Da wesentliche Risiko dieses Handelsstils stellt also die Positionsgröße dar.
Der Bewegungshandel
Beim Bewegungshandel versucht der Händler auf seiner Signalebene (z.B. H1-Chart) in Trendrichtung der Großwetterlage (z.B. Daily-Chart) zu handeln, nachdem hier die Korrektur abgeschlossen wurde und sich der Trend weiter in Richtung der Großwetterlage fortsetzt:

Zu berücksichtigen ist, dass versucht wird ausschließlich die Bewegung der Großwetterlage auf der untergeordneten Trendgröße (Signalebene) zu handeln. Häufig ist hierbei auch von „Handel aus der Korrektur heraus“ die Rede.
Der Trendhandel
Nachdem wir uns nun den Ausbruchshandel und den Bewegungshandel angeschaut haben, schauen wir uns als nächstes den Trendhandel nach Markttechnik an. Hierbei handelt es sich um den Handelsstil, der häufig mit der Markttechnik gleichgesetzt wird.

Beim Trendhandel nach Markttechnik steigt der Trader knapp über dem Punkt 2 ein und hat hierbei die Absicht den entstehenden Trend möglichst vollständig mit zu handeln, bis der Trend durch ein Unterschreiten eines Punkt 3 gebrochen wird.
Die Marktteilnehmer aus Sicht der Markttechnik
Nachdem wir uns nun ausgiebig mit dem Trendaufbau, dem Trendbruch, den unterschiedlichen Trendgrößen und deren Verschachtelung sowie den unterschiedlichen Handelsstilen befasst haben, schauen wir uns als nächsten noch an, wer die Marktteilnehmer aus Sicht der Markttechnik sind.
Eine wesentliche Fragestellung der Markttechnik ist, wo im Markt Bewegung entstehen kann. Die Antwort klingt zunächst einfach: Bewegung entsteht an relevanten Punkten, wo Händler aktiv werden (müssen). Klingt zwar simple, dennoch benötigt diese Aussage ein wenig Denksport…
Um die Antwort nachvollziehen zu können, muss man sich demnach fragen wer die Händler sind und was die relevanten Punkte sind. Grundsätzlich tümmeln sich an der Börse jede nur vorstellbare Art von Händlern: Pensionsfonds, Versicherungen, Banken, private Händler, Arbitrageure, etc. Also ein bunter Mix aus langfristigen institutionellen Investoren und kurzfristigen Spekulanten. Jede diese Händlergruppe hat andere Absichten. Der erste Händler will vielleicht sein Portfolio umschichten, der zweite Händler will ein paar seiner Aktien verkaufen um Gewinne mitzunehmen, der dritte Händler verkauft einen Wert um Verluste zu begrenzen, der vierte Kauft einen Wert weil er einen „Tipp“ an der Bushaltestelle aufgeschnappt hat und der fünfte Händler hat eine größere Summe geerbt die er nun möglichst gewinnbringend investieren möchte. Alles unterschiedliche Händlergruppen mit unterschiedlichen Beweggründen…
Lange Rede, kurzer Sinn: Niemand wird jemals alle Händler und deren Beweggründe ausfindig machen. Dies ist auch gar nicht notwendig. Relevant ist ausschließlich, ob es mehr Angebot als Nachfrage oder mehr Nachfrage als Angebot gibt. Die Beweggründe für das Angebot und die Nachfrage sind weitestgehend irrelevant.
Deutlich wichtiger und auch einfacher zu beantworten ist die Fragestellung, was relevante Punkte im Markt sind an denen Händler aktiv werden (müssen). Um die Frage beantworten zu können, lassen sich die Händler in drei Gruppen einteilen:
- Händler die long positioniert sind,
- Händler die short positioniert sind und
- Händler die flat sind, also den Markt beobachten aber noch keine Position halten.
Um nun nachvollziehen zu können, warum der Punkt 2 ein relevanter Punkt ist, schauen wir uns nochmals den Verlauf eines entstehenden Trends an:

Unterstellen wir, der Markt befindet sich in der oben gezeigten Marktphase. Die Händlergruppen Long, Short und Flat führen bei Überschreiten den Punkt 2 nun zu den nachfolgenden Aktionen:
- Händler die short positioniert waren, werden bei Überschreiten des Punkt 2 ihre Short-Positionen schließen. Das Schließen einer Short-Position erfolgt durch Eröffnung einer Long-Position, sodass sich beide Positionen ausgleichen. Zudem wird der Händler der short positioniert war ggf. eine Long-Position eröffnen. In der Folge kommt es zu der doppelten Kontraktzahl an Long-Positionen.
- Händler die flat waren, werden bei Bestätigung des Aufwärtstrends Long-Positionen eröffnen, um vom nunmehr intakten Aufwärtstrend zu partizipieren. Betroffen sind hiervon alle drei Handelsausrichtungen (Ausbruch, Bewegung, Trend).
- Lediglich Händler die bereits long investiert waren, werden nicht aktiv, da sie in ihrer Erwartung bestätigt wurden und vom nunmehr erwarteten Kursanstieg profitieren möchten.
In der Folge ist der Punkt 2 aus Sicht der Markttechnik ein relevanter Punkt, an dem häufig Bewegung entsteht, da es hier aus den o. g. Gründen häufig zu neuen Orders kommt.
Fazit
Die Markttechnik stellt keinen „heiligen Gral“ im Börsenhandel dar. Dennoch beantwortet die Markttechnik einen Großteil der relevanten Fragestellungen im Börsenhandel bzw. leitet diese nachvollziehbar her. Die detaillierte Befassung mit der Markttechnik kann sowohl Trading-Anfängern als auch fortgeschritteneren Händlern helfen den Börsenhandel im Gesamtkontext besser einordnen zu können.